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der reigen der künste

Symposium
programm

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Helga de la Mottehaber, Margrit Tröhler,
Silvia Eiblmayr, Moderation: Corina Caduff
Abschlusspodium

De la Motte-Haber: „So plitschplatsch würde ich sagen, es gibt Dinge, die ich vermisse, die sich tatsächlich zwischen die Künste gesetzt haben. Also das grosse Feld der Klangkunst wäre auch schon mal noch extra zu thematisieren. Das kann man nicht mehr einordnen auf der einen oder anderen Seite und das ist auch eine Kunstform, die nun schon seit dreissig Jahren existiert und langsam dann doch in der Gesellschaft auch ihren Platz gefunden hat. Das habe ich vermisst. Ich hab dann gesagt, man muss schärfer differenzieren zwischen Material und Medium. Weil das Material ist nicht unbedingt das Medium und der Griff nach anderem Material ist von daher jeweils nach der Intension des Künstlers zu unterscheiden.“

Caduff: „Darf ich da um ein paar Beispiele bitten, zum Thema Material und Medium. Sagen sie das jetzt gleichwertig im Bezug auf alle Künste, die heute zur Sprache gekommen sind, oder denken sie an was Bestimmtes?“

d. l. M.: „Ich dachte gerade an was relativ Konkretes, was heute Nachmittag besprochen worden ist: z.B. Helmut Oehring. Die Intermedialität von Helmut Oehring geschieht aus ganz bestimmten Intensionen heraus, die aber überhaupt nicht den Intensionen anderer Künstler entsprechen. Helmut Oehring möchte eine Musik machen, das war auch mehrfach gesagt worden, die ausdrucksstark und narrativ ist. Das heisst er möchte Dinge machen, die seit Strawinsky total verboten sind. Ich übertreib jetzt ein bisschen der Kürze halber. Und er objektiviert das, was früher sozusagen Ausdruck gewesen ist als Innerstes, indem er nach objektiven Dingen greift wie die ...istensprache und das dann benutzt um eigentlich doch Komposition zu machen. Und wenn das auch Raumkompositionen werden können, dann muss man sagen, Raumkompositionen, das ist halt nun seit Gustav Mahler eine Tradition in der Musik. Und dass die Musik überhaupt mal im 19. Jh. aus dem Raum herausgelöst worden ist, das hat schon B... nicht ganz geglaubt bei seinem Requiem. Das wäre eigentlich nicht der Schritt von der Musik weg. Aber ich glaube, er hat Intensionen, die er mit dem traditionellen Vorgehen nicht realisieren kann und wo er aber Momente, die aus der Tradition ihm zugewachsen sind, im übrigen bei ihm auch aus der Tradition der Rockmusik, irgendwo weiter verflogen möchte.“

Tröhler: „Die Sprache wird zur Musik, aber wir bleiben im Bereich jetzt der Sprache. Sie haben sich selber auch weiterhin im Bereich der Literatur situiert.

C.: „Das Produkt.

T.: „Das Produkt ist in dem Sinn nicht intermedial, während bei anderen Medien, also per se schon beim Film, natürlich wirklich verschiedene Medien da sind. Was ich jetzt auch noch nicht sagen würde, dass das jetzt die neue Avantgardekunst des Medialen ist, weil eben da der Mainstream und das Narrative natürlich alles bindet. Aber eben Performancekunst oder Theateraufführungen, die gleichzeitig auch verschiedene Medien hineinbringen, wo eben auch Brüche bestehen. Und die funktionieren nochmals anders. Also dass wir da wie so versuchen auch zu unterscheiden: Was ist Intermedialität alles und in welchen Momenten. Wie kommt es zur Aufführung, [...] verschiedene Momente des Einsatzes der Mittel und der Aufführungssituationen.“

Eiblmayr: „Wir leben in einem globalen Medienraum. Medien durchdringen wirklich alles. Und wir sind insofern auch noch auf einer idealistischen Position, dass wir sagen: Ja die Kunst, die Künstler, die Künstlerinnen, die verschiedenen Grenzüberschreitungen dieser Kunst, die können analytisch, möglicherweise auch kritisch, letzten Endes auch politisch-kritisch sich zu diesem globalen Medienraum äussern oder sie werden aufgesogen und gehen darin sowieso unter.“

C: „Die Disziplin in den Wissenschaften: Kunst, Musik Film, Filmwissenschaft. Es ist ja so, wenn wir einfach gucken was ist, die Situation heute an den Universitäten: Da gilt sicher das, was Florian Keller auch genannt hat für den Journalismus, nämlich erstmal den Aufruf Erwerbung von Skills in den einzelnen Disziplinen. Das heisst, das Interdisziplinäre verschiebt sich eben meist auf Graduiertenkollegs, Doktorandenstadium usw. Es gibt aber ganz klar auch die institutionalisierte Kulturwissenschaft, die ja eine disziplinierte interdisziplinäre Disziplin ist. Sie zeichnet sich ja aus durch Interdisziplinariät, ist aber an den Universitäten eine Disziplin geworden. Wenn ich versuche zusammenzufassen wie es mit den Disziplinentrennung steht, dann muss man sagen, zuminderst wenn wir im deutschsprachigen Raum schauen, es gibt ein Nacheinander von Disziplinen, ein Nebeneinander, es gibt auch ein Durcheinander von Disziplinen. Es ist eine ungeklärte Situation. Es ist eine Situation in Bewegung. Es ist eine Situation mit allem inbegriffen, mit allen Cultural Studies, was da passiert im Moment. Es ist eine Situation, die gerade weil sie ungeklärt ist ja irgendwie auch produktiv ist. Jetzt, wenn wir mal von da ausgehen, ich würde sie gerne fragen, jetzt wirklich auf den wissenschaftlichen Bereich bezogen: Was haben sie für Utopien, was haben sie für Wünsche? Wie würden sie sich vorstellen, wie sehen die akademischen Disziplinen sagen wir einmal in 20 Jahren aus? Gibt’s noch welche?“

d. l. M.: „Ich hoffe, dass es noch welche gibt. Und ich denke, dass in einem Zeitalter, was derart von Vernetzung und und und geprägt ist, natürlich sich die Disziplinen auch zunehmend vernetzen. Ich hätte wahnsinnig gerne zu diesem Punkt, es bleibt in seiner Disziplin, was ich sagen möchte, darf ich? Weil, das ist der zweite Punkt, den ich auch heute gerne angesprochen hätte. Wir hatten Utopien von Künstlern, die waren gesamtkunstwerklich im 19. Jahrhundert, die waren multimedial, die waren intermedial bei den Fluxuskünstlern und und und. Und zwar waren diese Utopien immer so: Wir lösen das auf, was die Aufklärung, die uns ja in allen Bereichen noch immer anhängt, geschaffen hat. Wir überbauen das System der Künste mit irgendetwas, was, sozusagen alles erfüllt. Das war, würde ich sagen, bis fast in die 1980er Jahre eine Utopie der Künstler. Bewegt hat sich am meisten im Felde dieser Utopien. Das ist aber ein separates Thema. Aber was man beobachten kann, historisch, wir bleiben in ihrem Bereich, ist, so wie die traditionellen, ich sag jetzt mal Medien, Zeitungen, Radio und und und nicht verschwinden angesichts von modernen Medien wie Internet usw. usf. Genau so ist es mit den Künsten gewesen. Die Malerei blieb, die Musik im traditionellen Sinne blieb usw. usf. die Dichtung und die Literatur auch. Es gibt also so etwas wie ein Bewusstsein von diesem Kunstsystem, was immer noch da ist und was ich jetzt durchaus einmal positiv gleich noch bewerten möchte. Und die Kunstformen, die als Überbau oben drüber sich setzten wollten - es tut mir leid, dass ich so abstrakt bin, ich hätte noch unendlich viele Beispiele. Aber sie wollen ja alle auch mal gehen. - die Kunstformen, die sich oben drüber setzen wollten, wobei auch die Augenmusik des Films dazugehört hat, die haben sich daneben gesetzt. Aber sie haben sich partiell auch in die Zwischenbereiche gesetzt und da gärt es nun halt einfach am meisten. Auch diesen Gedanken möchte nicht ausführen, weil ich mich nämlich heute im Laufe des Tages gefragt habe, es betrifft auch ein bisschen das, was sie gesagt haben, wie wichtig ist eigentlich dieses traditionelle Kunstsystem als Herausforderung für die Künstler, es ständig und ständig wieder in Frage zu stellen? Und da haben natürlich auch die Hochschulen oder die Universitäten oder wie man diese Bildungseinrichtungen nennt, da haben die natürlich auch eine Aufgabe angesichts auch einer fortschreitenden technologischen Entwicklung, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es dieses Zwischendrin einfach gibt und dass das eigentlich das ist, was auch verhindert hat, dass das Gerede von der Postmoderne jemals wahr geworden ist. Die Entwicklung der Kunst hat ja weiterhin stattgefunden und war ja nicht nur retrospektiv. Ich frage mich, wie wichtig es doch ist, dass wir sozusagen so ein System der Künste haben, was immer so ein Bollwerk ist, gegen das man schiessen muss und dann bricht etwas Neues auf. Paul Vallery hat mal gesagt: Es gibt kein Bewusstsein vom ich ohne ein gleichzeitiges du. Und so ähnlich stelle ich mir das Verhältnis der traditionellen Kunstgattungen zu dem, was an Neuem produziert wird vor. Wobei wir natürlich auch eine Kunstform noch erwähnen müssen, die noch nicht angesprochen worden ist. Es gärt ja nun durchaus auch sehr stark, und da ist keine Zuordnung medialer Art oder auch materieller Art mehr möglich, im Bereich der so genannten Internetkunst.“

C.: „ Die wollen wir auslassen, weil wir ein bisschen vermeiden wollten, dass es zu technologisch wird, bzw. Internetkultur ist natürlich ganz eng an Digitalisierung geknüpft. Und uns ging es auch um den Begriff des Intermedialen, sozusagen... Ich denke im Übrigen auch, dass die Veranstaltung hier überhaupt nicht zu verstehen ist, dass wir eine Position eingehen... Es geht um Berührungsfelder. Es geht darum das Dazwischen sichtbar und hörbar und besprechbar zu machen. Ich denke, dass die einzelnen Künste ihre Berechtigung, ihren Sinn haben...“

T.: „Ich möchte dieses Plädoyer weiterführen, in dem Sinne, dass ich auch das Intermediale sehr wichtig, sehr gut, sehr spannend finde und dass man da die Zwischenbereiche auslotet. Gleichzeitig finde ich auch, dass die traditionellen Bereiche, wenn die Lust dazu da ist auch bestehen bleiben sollen. Weil ich glaube, sie schaffen sich von selber ab, wenn es niemand mehr machen will. Und die schafft man nicht von äusseren Positionen ab, weil wenn niemand mehr malen will, ok. Aber dann wird man es wieder mal wiederentdecken. Und so sehe ich es ein bisschen analog auch, auch wenn das konservativ gewertet werden kann, auch für die Wissenschaft. Alle reden natürlich von Kulturwissenschaft, Kulturanalyse, ja es hat verschiedene Namen. Man spricht von Inter- und Transdisziplinarität, das finde ich sehr lobenswert, sehr wichtig. Ich sehe es aber auch im Dazwischen. Sehr wenige Leute schaffen es nur konsistent zu sein im Darüber, in diesem Überbau. Und ich sehe es ansonsten in den konkreten, kleinen Begegnungen zwischen den Disziplinen oder eben zwischen der Wissenschaft und der Praxis und zwischen den Künsten. Ich hab nicht die grosse Utopie, im Moment auf jeden Fall, dass wir alles in einen Topf werfen und alle alles machen. Weil ich auch glaube, dass wirklich sehr viel erarbeitet wurde. Eine Theorie besteht, ein [Tempel] besteht, eine Sprache besteht, die jeweils in den Disziplinen auch ihre Qualitäten hat und die man sicher immer wieder in Frage stellen muss, sei es indem man sich am Aussen reibt oder an anderen Künsten. Sei es, das man sich an anderen Dingen reibt oder von Innen erneuert. Das muss sich immer wieder ändern. Ich bin sehr interessiert an interdisziplinärer oder transdisziplinärer Zusammenarbeit. Aber ich denke, dass man auch irgendwo ein Zentrum haben sollte. Ich finde es sehr fruchtbar, wenn man in manchen Bereichen etwas mehr zu Hause ist als in anderen Bereichen und man nicht überall nur surft. Diese negative Metapher hat jetzt nichts mit einem Statement gegen die Internetkunst oder irgendwas zu tun.“

C.: „Ich glaube es wäre wichtig daran anzufügen, wenn sie jetzt von den wissenschaftlichen Disziplinen sprechen, dass man das einfach auch wahrnimmt als Entwicklungsprozess von den einzelnen Disziplinen. Es gibt ja auch die Tendenz natürlich, dass gewisse Disziplinen sich nicht entwickeln, immer dasselbe machen, dass sie quasi stehen bleiben und plötzlich sind sie wieder modern, ohne dass sie durch diese Entwicklungsgeschichte hindurchgegangen sind. Das ist eine Kehrseite, [...die auch in den Naturwissenschaften wirkt zum Beispiel...] Das heisst, dass Leute, die den ganzen Drive mit den Kulturwissenschaften nicht durchgemacht haben, plötzlich grade wieder modern sind. Wir haben ja auch eine Tendenz in den USA, wo die Bezeichnung Cultural Studies tendenziell wieder verschwindet, wo sie sich rückverwandeln in alte Bezeichnungen. Aber das bedeutet eben, dass diese Entwicklungsgeschichte gemacht worden ist.“

de la Motte: „Die Performancekunst ist eigentlich heutzutage schon ein ganz eigenständiger Bereich oder sie bewegt sich in der Richtung ein eigenständiger Bereich zu werden. Es gibt sozusagen mittlerweile ja den Performancekünstler. Aber sie verbindet auch. Das ist sozusagen das Dazwischensetzen.“ –noch weiter?

Tobi Müller (aus dem Publikum): „Das sehe ich überhaupt nicht so. Ich glaube die Performancekunst ist in den letzten dreissig, vierzig Jahren enorm einflussreich gewesen, auf genau zwei Gebieten, nämlich der Bildenden Kunst und des Theaters. Wie man heute selbst bei uns in den Medien einen Darsteller von einem Performer und von einer Figur unterscheiden kann, das geht nun wirklich fast gänzlich auf die Performance und die Geschichte der Performancekunst zurück. Marina Abramovic hat den Weg im Kunstbetrieb gefunden andere haben den Weg im Theaterbetrieb gefunden. Aber das Andocken an einer der beiden Betriebe ist absolut möglich. Und sie ist erfolgreicher den je, aber als eigenständige Gattung halt nicht. Man muss halt schon irgendwo aufgeben. Da haben die Theater einen riesigen Weg hinter sich ... bisschen kürzer und der Kunstbetrieb schon viel länger. Also das ist ein Grosserfolg, wenn man so möchte.“

Eiblmayr: „Ich würde mich anschliessen. Diese Kategorie, so eng kann man sie nicht sehen. Und performativ ist im Grunde die ganze Kunst geworden. Beim Performativen ist das Entscheidende auch, das die Betrachterinnen miteinbezogen sind. Wir werden uns bewusst, dass wir selbst die Performerinnen sind im Kontext dieses Kunstwerks, dieser Kunst. Und noch etwas: Es ist ja wahnsinnig viel von diesem Performativen oder der Performance in das Video eingegangen. Es gibt ja eine gigantische Videoproduktion in den Visuellen Künsten. Die Errungenschaften der Performance sind wieder zurück auf die Fotographie und vor allem in das Video geführt worden. Das ist alles ein Teil davon. Man kann es nicht mehr so kategorial auseinanderlegen. Die Grenzüberschreitung zum Tanz z.B., die ja heute nicht erwähnt wurde, wo ja unglaublich viele Elemente aus dem Visuellen kommen gerade in den Tanz hineinkommen. Und da ist es ja sehr erfolgreich, weil die Leute Tanz ja sehr lieben, soweit ich das von Österreich kenne.“






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Eine Veranstaltung des ICS, in Zusammenarbeit mit
der Hochschule für Musik und Theater Zürich.

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