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der reigen der künste

Symposium
programm

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Tobi Müller (Tages-Anzeiger), Manfred Papst
(NZZ am Sonntag), Moderation: Florian Keller
Disziplinierung der Künste.
Zur Kultur des Feuilletons


Keller: „Da könnte man nun eine Frage aufgreifen, die Tobi Müller in einem Artikel über Thomas Meinecke gestellt hat: Schreibt Thomas Meinecke wie ein DJ oder musiziert er wie ein Autor? Könnte man anhand dieser Frage eine Zugangsweise des Feuilletons gegenüber einem Buch wie «Musik» bestimmen?“

Müller: „Gut, wir stehen ja nicht unter dem Druck, die Verfahren der Künstler, die uns mit ihren Produkten angeboten werden, zu reproduzieren. Wir müssen ja keine Ähnlichkeit haben zum Produkt. Ganz im Gegenteil, das bürgerliche Feuilleton oder der Kulturteil (oder was davon noch übrig geblieben ist) ist eine Position aus der Distanz. Da gehts nicht um Nähe oder um Ähnlichkeit, um nichts Nachvollziehbares. Was ich mit dieser Frage meinte mit dem schreibenden DJ oder dem musizierenden Autor, hab ich, wenn ich mich richtig erinnere, auch gleich wieder fallen gelassen. Zu einer gewissen Zeit, vielleicht ab Mitte der 90er Jahre, als man im deutschsprachigen Raum die Phänomene der Popliteratur besprochen hat, wurde die Metapher des DJs wahnsinnig inflationär gebraucht, um Schreibverfahren zu beschreiben. Ich denke, dass das im Grunde eigentlich alles modernistische Verfahren sind, die viel älter sind als die DJ-Kultur – vielleicht sogar einfach Verfahren des Schreibens schlechthin. Wie man mit Quellen arbeitet, ob man die Quellen markiert, also kenntlich lässt, oder ob man sie ineinander webt: Auch da hat gerade Thomas Meinecke sehr unterschiedliche Verfahren, da ist längst nicht alles markiert, ganz im Gegenteil. Es gibt dann eben auch "mixings" oder blendings", er schreibt ohne Anführungszeichen, Zitate sind nie so kenntlich gemacht. Da denke ich, dass die Beschränkung auf die Metaphorik der Popkultur fast ein bisschen geschichtslos ist und uns auch nicht wirklich weiter bringt als eine Beschreibung dieser Art von Literatur. (...)“

M.: (...) Das macht mich vielleicht ein bisschen unbeliebt, wenn ich gleich – ein alter Trick - die Fragestellung problematisieren möchte: Was ist intermediale Kunst? Gerade die Künste, mit denen ich mich jetzt hauptsächlich beschäftige, nämlich Theater und Popmusik, sind ganz ausgeprägt intermediale Künste, ohne dass man das in den Projektbeschrieb schreiben muss, weil man dann vielleicht Geld kriegt von der Stadt, weil seit zehn Jahren intermediale Künste angesagt sind. Theater ist per se was total Intermediales, weil es kein Medium hat. Es hat keinen Träger, auf dem es sich vervielfältigen lässt, es arbeitet mit verschiedenen Medien und ist nach meinem Verständnis zutiefst intermedial. Und die Geschichte der modernen Avantgarden, also gerade auch der Emanzipation des Theaters und auch der Theaterwissenschaft, als sie sich gelöst hat von der Literaturwissenschaft, ist ja eigentlich genau eine Geschichte der Aufwertung der einzelnen signifikanten Systeme, wenn man so möchte, also der darin teilhabenden Medien: das Licht und das Bühnenbild, die Kostüme, auch die Dramaturgie als ein Eingriff in den Text. Das ist intermedial. (...) In der Popmusik ist es genau gleich. Wir haben von den Bildern gesprochen. Die haben natürlich nicht erst mit MTV oder mit dem Musikfernsehen allgemein angefangen, sondern die waren immer schon da. Es gibt das schöne Beispiel des amerikanischen Films "Blackboard Jungle" von 1954, zu dem Bill Haley zwei, drei Songs beigesteuert hat. Der Film war in Deutschland zu sehen, bevor es die Platte gab. Das heisst, das Bild war da, bevor die Musik da war. Und das ist eine Konstante der Popmusik, dass sie sich eben nicht nur in einem Medium vermitteln lässt, ganz und gar nicht. Da gehts immer auch um ganz verschiedene Medien, die so was konstituieren können, wie eben am Schluss ein intermediales Kunstwerk.“

Papst: (...) Im Gegensatz zur Literatur oder Kunst oder möglicherweise auch Film gibt es im Pop keine spezifische Ausbildung. Das heisst, jene Leute, die über Pop schreiben, die tun das in der Regel nicht aus einer kritischen Distanz, sondern aus einer grossen Begeisterung. Die sind Fans, und die wollen ihrem Enthusiasmus Luft machen in ihren Artikeln.“

M.: „Da gibts ja auch Fans und Fans. Ich hab oft genug gegen Fanschreiber angeschrieben oder angeschrien im eigenen Haus. Nur: Es gibt ja auch eine Fankultur, die durchaus kenntnisreich ist, wie das vielleicht auch mit der Geschichte von Punk zusammenhängt, wo man angefangen hat, sogenannte Gegenöffentlichkeiten aufzumachen: Fanzines zu kopieren, wie man das damals noch gemacht hat. Daraus sind die meisten Musikjournalisten hervor gegangen, die jetzt vielleicht so zwischen 40 und 50 stehen. Die kamen ja alle eigentlich aus dezidierten Fan-Kontexten heraus und haben durchaus mit der Zeit sogar eine Art bürgerlich-kritische Distanz aufbauen könne. Man muss also aufpassen, dass man mit "Fan" nicht irgendwie Bärchen-schmeissende Teenies gleichsetzt, die irgendwo ins Hallenstadion pilgern. "Fan" kann auch etwas sehr Akribisches, sehr Genaues, sehr Lustvolles sein. Man muss einfach diese Übersetzung mal machen. Denn der Weg vom Fan ins – ich sags nochmals – bürgerliche Format eines Kulturteils oder eines Feuilletons ist ein langer Weg. Er ist auf jeden Fall länger, als wenn ein Literaturstudent in die Zeitung kommt.“

P: „(...) Es ist sehr, sehr schwierig, über Musik selber zu reden, Musik zu beschreiben. Thomas Meinecke hat geschildert, dass er immer froh ist, wenn er in seinem Beruf als DJ oder Radiomoderator am Beispiel zeigen kann, was er meint. Das geht uns natürlich überhaupt nicht anders. Nun, im ganzen Popjournalismus lässt sich beobachten, dass von der Musik als Musik sehr wenig die Rede ist. Wir lesen wenig von der melodischen, harmonischen, rhythmischen Struktur dessen, was da passiert. Was wir lesen, sind Biografien, meist "success stories" der Protagonisten, und wir lesen ein Referenzsystem. Das haben Sie auch in den Texten, die Thomas Meinecke heute rezitiert hat, gesehen. Wir sagen: Der spielt ein bisschen wie der, ein bisschen wie der, er entwickelt das ein bisschen weiter. Es ist immer sozusagen ein Koordinatensystem von Namen, die man voraussetzt, die etwas anklingen lassen beim Leser: Den kennst du nicht, aber du kennst doch den und den, dann stell dir vor, es ist der, aber ein bisschen funkiger, oder ein bisschen weicher.“

K.: „Ist das jetzt eine Bestandesaufnahme dessen, was im Feuilleton im Popbereich passiert, oder ist das eine Kritik? Oder ist es beides?“

P.: „Es ist eine Bestandesaufnahme. Ich glaube, wir beide sind keine Musikwissenschaftler. Wir können vielleicht doch eine Songstruktur schreiben, aber viele unserer Leser würden es nicht verstehen oder nicht lesen wollen. Das ist nicht das, was sie in einem Popartikel suchen. Dass wir dann sagen, das Gitarrensolo gurkt in der Quintenparallele herum...“

M.: (lacht) „Ich hab auch schon einen Rüffel gekriegt, weil ich irgendwo von Zweiundreissigsteln geschrieben habe.“

M.: (...) „Was Manfred Papst sagt, ist völlig richtig: Eine immanente Beschreibung der Musik ist am Abnehmen. Ich hab da auch keine Lösung. Manchmal probiere ich sehr forciert, genau das zu tun, dann wieder interessierts mich überhaupt nicht, je nach Platte oder je nach Produkt, mit dem ich auch zu tun habe. Ich kann da keine Losung ausgeben oder sowas. Aber ich finds eben auch gefährlich, wenn man sagt, man müsse auch Popmusik mit derselben Immanenz beschreiben, wie meistens dann eben der klassische Kanon beschrieben wird. Das ist dann eben auch nur eine Übernahme von einem in einem völlig anderen Kontext gewachsenen Instrumentarium in ein fremdes Feld, und das kann zu grotesken Resultaten führen. Ein anderes Beispiel ist, wenn plötzlich Rock-Kritiker von Dramaturgie und Dramatik sprechen, wenn sie von New Yorker Punk plötzlich sagen: "Mir fehlt das Drama." Und ich frage:  Ja, welches Drama? Das Drama von Gustav Freytag, Ende 19. Jahrhundert? Gehts jetzt hier um alte Dramenmodelle? Dabei sprechen wir über Punk. Das kann sehr schwierig sein, wenn man da quasi die Überstände des Bildungsbürgerlichen in ihrer vulgarisierten Form als Messlatte über die Popmusik hält. Das kann sehr schwierig sein, weil ich eben schon denke, dass es einen grundlegenden Unterschied gibt, den ich jetzt gar nicht nur dem Bürgerlichen ankreide, aber der im Bürgerlichen dazu geworden ist: Man hat eine völlig andere Rezeptionssituation in der Popmusik und vielleicht in intermedialen Künsten überhaupt. Das heisst, diese Immanenz ist einfach sehr schwierig zu haben. Es gibt Platten, wo sich das lohnt, und es gibt andere, wo sich das nicht lohnt. Robbie Williams hat eine neue Platte gemacht, die ist zum Teil von den Arrangements und der Harmonik her ziemlich avanciert; das ist richtig ausgedachter Pop, der ist nicht schlecht. Trotzdem kommst du da einfach nicht sehr weit, weil bei Robbie Williams geht es noch um ganz viel Anderes.“

K.:“(...)Mit dem Kunsttheoretiker Boris Groys könnte man sagen: Wenn sich ein Künstler mit intermedialen Ausdrucksformen beschäftigt, dient er sich in gewisser Weise auch dem Markt an. Wenn ein Künstler nur ein Bild malt oder ein Komponist nur Musik komponiert, hat er möglicherweise weniger Publikum, als wenn er die beiden Sachen fusionieren würde.“

M.: „Da hat er Recht.“

K.: „Da trifft sich die intermediale Kunst vielleicht wieder mit der Kaufempfehlung im Feuilleton.“

M.: „Ich kann nur diesen Teil bestätigen, wie ich schon eingangs versucht habe zu sagen, dass ein ganz grosser Teil von Mega-Mainstream-Kunst längst intermedial funktioniert, ja. Es gibt auch natürlich immer wieder genau das Gegenteil, nämlich den Purismus. Malerei aus Ostdeutschland zum Beispiel verkauft sich im Moment wahnsinnig gut. Das ist was völlig Anderes, da geht man auch in eine andere Nische rein und hält dem auch was entgegen und sagt auch, dass man jetzt irgendetwas dagegen hält. Von daher kann ich jetzt da nicht ein absolutes Ja oder ein absolutes Nein formieren. Ja, André Rieu ist natürlich sehr multimedial, und André Heller ist das auch. Aber ich hab da doch Mühe, per se. einen positiven oder einen negativen Wert darin zu entdecken.“

K: „Aber bei einer Veranstaltung wie heute fragt sich beim Feuilleton ja immer: Wer ist zuständig, beim "Reigen der Künste" beispielsweise?“

P.: „Es gibt Beispiele für beides. Es gibt die intermedialen Mainstream-Sachen, die enorm erfolgreich sind, und es gibt die anderen, für die sich niemand zuständig fühlt und die leicht zwischen Stuhl und Bank fallen. Oder es gibt den Fall, dass man dann einfach aus praktischen Gründen eine Zuordnung trifft und dann mit der Zeit vergisst, sich zu fragen, wie sinnvoll die ist. Videokunst besprechen die Kunstkritiker, nicht die Filmkritiker. Das hat sich so eingebürgert. Ob das schlau ist, weiss ich nicht. Oder es gibt Crossover-Formen von E-Musik und anderen Medien, die gibt man dann einfach dem Kritiker für moderne E-Musik. Dann ist es aber auch schön in der Ecke verpackt.“






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Eine Veranstaltung des ICS, in Zusammenarbeit mit
der Hochschule für Musik und Theater Zürich.

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