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der reigen der künste

Symposium
programm

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Daniela Janser
Gender-Sampling und Plattenteller. Interdisziplinarität und-medialität als Alltag

Seit ich zum ersten Mal ein Buch von Thomas Meinecke in die Hand genommen habe, erscheint mir seine literarische Welt wie die wahr gewordene Wunschvorstellung des halbwissenschaftlichen, halbliterarischen Schreibens. Es besteht in diesen Geschichten ein fast schon idealer Zustand der Informationszusammentragung und -verarbeitung sowie des Austauschens von Einsichten, Beobachtungen und Fundstücken. Meineckes Romane sind ein gewagter, theoretisch reflektierter Text-Mix aus Nietzsche-Bonmots, Kylie-Minogue-News und Affichen für Anti-Falten-Crème und Spekulationen zur Vorhaut Jesu. Max Weber und Sigmund Freud treffen auf Arnold Schwarzenegger und seine Sätze zum Bikini-Waxing und Gouverneur-Werden. Und zwischendurch herrscht dann wieder eine Riesenfreude über die neue Beyoncé-Platte. Alles ist thematisch konsequent querbeet gestreut und vor allem deutlich ohne den Gegensatz zwischen High und Low, U und E, Hochkultur und Pop oder Alltagskultur. Auch das Unfertige und Ungewisse hat seinen Platz, als hätten wir hier eine imaginäre, meist munter diskutierende, clevere Küchentischrunde – scheinbar ohne Unvoreingenommenheiten und ohne Einsamkeit in der kleinen Schreibkammer. Auch fast ohne Schreibstau, Sinnkrise oder andere Knöpfe in der Leitung.

Aufgeteilt wird diese ganze Wahrnehmungs- und Aufschreibe-Arbeit in Meineckes Romanen auf verschiedene Figuren, die alle an verwandten Projekten und Fragestellungen arbeiten und darüber diskutieren, als wären sie sprechende Karteikärtchen in einem grosszügig angelegten Zettelkasten. Diese Charaktere sind gleichsam Wunschfiguren der Postmoderne. Also ein Art intelligente Subjektbaustellen und dabei doch recht ungebrochen gut gelaunt. Sie sind kaum von trübem Unbehagen getrieben, sondern primär von freundlicher Neugierde und Entdeckerfreude.

Besonders schön kommt dies interessanterweise zum Ausdruck, wenn es um die Frage des Geschlechts geht – eine der Hauptachsen in Meineckes Werk. In seinem Figurenkabinett herrscht ein literarisch generierter, sehr effizienter Gender Trouble, über den auch ständig laut nachgedacht wird. Es gibt wohl kaum einen zeitgenössischen Autor, der derart versiert ist in Gendertheorien aller Art.

Im Roman Tomboy (1998) geht das in einer Art Hommage an die amerikanische Gender-Theoretikerin Judith Butler noch sehr konkret mit Geschlechtsumwandlung und umgeschnalltem Dildo zur Sache. Es gilt, die Dichotomie zwischen Mann und Frau sowie zwischen homo- und heterosexuell sehr konkret aufzubrechen bzw. zu verunsichern. Im Roman Hellblau (2001) werden dann verschiedene Ansätze durchgespielt, in denen der jüdische Mann als Frau je nachdem verunglimpft oder gefeiert wird. Und im neuen Roman Musik (2004), um den es in dieser Einführung auch hauptsächlich gehen soll, findet ein konsequentes Quer- oder eben Queer/lesen von Heterosexualität statt.  Diese Entwicklung kann man als eine ständig verfeinerte Operation der Annäherung an geschlechtliche Unbestimmtheiten sowie Bestimmtheiten betrachten. Letztlich läufts darauf hinaus, dass nicht nur Weiblichkeit, sondern eben auch der Mann als etwas Konstruiertes aufscheint, und zwar dezidiert nicht als die dominante Grösse. Dasselbe gilt für die Heterosexualität. Im Mittelpunkt von Musik stehen die beiden Geschwister Karol und Kandis, er ist Flight Attendant, sie Schriftstellerin. Ihr Kommen und Gehen gibt die lose Rahmenhandlung des Romans vor.

Bereits die Anfangspassage des Buches treibt ein cleveres Spiel mit den Lesern: Eine Ich-Figur erzählt von der Ankunft in einer Berghütte, und man bleibt ein paar Abschnitte im Ungewissen, mit welchem Geschlecht man es hier zu tun hat, wobei man hier auch auf eigene Vorurteile und Fallstricke der geschlechtlichen Decodierung zurückgeworfen wird.

Neben diesem spielerisch zelebrierten Gender Trouble und Gender Bending ist, wie bereits erwähnt, Pop ein Hauptbestandteil der Romane. Meineckes Bücher sind tief versunken in die Popkultur und auch recht elitär in der Darstellung dieser kleinen-grossen Welt mit ihrem weitverzweigten Referenzsystem. Es ist zu vermuten, dass kaum ein Mensch all die Verweise auf Musikrichtungen, Songs, Bands, Theoretikerinnen, die hier aufgefahren werden, aus eigener Anschauung kennt.

Meinecke verbindet kleine Details mit grossen Zusammenhängen. Seine Technik ist die des endlosen Drehens und Wendens von einer in Elementarteilchen zerlegten Alltagskultur, so dass diese Fragmente – wie das Wort «Pop» selber – im besten Fall quasi vorwärts und rückwärts lesbar werden. Popkultur wird verstanden als ernstzunehmende Fress- und Verdauungsaktion im grossen Stil. Kombiniert wird dieses Verfahren mit einer gewissen Respektlosigkeit gegenüber den Hierarchien der altehrwürdigen Hochkultur – nicht aber gegenüber ihren Produkten und Texten. Das Archiv der Popkultur wird zeitlich zurückverfolgt und erscheint aufbereitet als Wahrnehmungstagebuch von heute. Aber ohne finalisierende Schlussfolgerungen. Und ohne grossspurige Master-Thesen, die alles zusammenfassend beenden und erklären würden.

Nun könnte man meinen, dass hier alles neben jedem steht und so einer vielgescholtenen  postmodernen Beliebigkeit Vorschub geleistet wird, doch dem entgegen steht die Fragestellung, die hinter dieser wilden Textmischung steht und die eng mit einem sehr deutlichen politischen Engagement verknüpft ist. Man könnte auch sagen, dass sich Meineckes drei Romane Tomboy, Hellblau und Musik als eine Art Trilogie folgender abendländischer Ressentiments lesen liessen: Anti-Feminismus oder Misogynie, Homophobie, Antisemitismus, Rassismus – unter anderem Afro-Amerikanern gegenüber. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Meinecke auch aufzeigt, welche Verschränkungen diese Grundsatzressentiments miteinander eingehen, und wie sich gerade Antifeminismus, Homophobie und Antisemitismus auf fatale Weise überlagern.

Dieser doch sehr spezielle Fokus ist auch ein Grund, weshalb man Meinecke nicht einfach zu den Popliteraten zählen kann, obwohl es in seinen Büchern um junge und auch schöne Menschen geht, die oft ausgehen, tanzen, Musik hören, reden, sogar sehr viel reden, spazieren, Bier trinken, sich küssen usw. Doch ist das alles zu sehr alternativ-kulturell in den Details, zu komplex in den theoretischen Anleihen und eben auch durch die erwähnten Fragestellungen und Untersuchungsfilter zu politisch geprägt, als dass es ins Klischee der Popliteratur passen würde.

Sicher ist, dass Meinecke einen eigenen Stil hervorgebracht hat, der sich so mit nichts und niemandem vergleichen lässt. Man erkennt diesen Meinecke-Groove sofort. Er steht gleichzeitig im Zeichen der angewandten Methode, die man als diejenige des Samplings bezeichnen kann. Nun bedeutet ja das Wort sample schlicht ‘Beispiel’. Die Kulturtechnik des Samplings wäre demnach, banal gesagt, eine Verarbeitung von Beispielen. In der Musik werden dabei Song- und andere Sound- oder Textfragmente zu neuen Songs gemixt, Operationen der Verzerrung und Verfremdung inbegiffen. Für die Texttechnik des Schriftstellers Thomas Meinecke bedeutet das, dass hier Text-Beispiele verschiedenster Art, quasi per Textverarbeitungsprogramm, in einen Computer geladen werden, um sie modifiziert, anders zusammengesetzt und neu kontextualisiert wieder rauszulassen. Im Prinzip läuft alles auf die Formel des Kunsttheoretikers Boris Groys hinaus, dass wir es in diesen Texten mit ‘Kopien ohne Original’ zu tun haben. Selbstverständlich wenden auch andere Autoren diese Technik des Samplings an. Aber einzig bei Meinecke findet dabei eine beharrliche Durchmischung von Beispielen aus dem Pop- und dem Philosophie-Bereich mit gleichzeitiger theoretischer Reflexion statt.

Die Rahmenhandlung von Meineckes Romanen ist meistens knapp und wurde zwischen Tomboy und Musik noch weiter reduziert. Auf der Handlungsebene passiert also nicht viel, die Texte bestehen stattdessen aus spielerisch aneinandergereihten Abschnitten, in denen es entweder um eine Platte, ein Songfragment, einen wissenschaftliche These, ein historisches Dokument oder eine Kuriosität aus der Tageszeitung geht, die dann auf ihr subversives oder reaktionäres Potential abgeklopft wird. Daraus ensteht ein Reigen des kunterbunten Name-Droppings und der theoretisch zugespitzten Alltags- und Wissens-Teileinheiten. Das liest sich nicht wie Literatur im herkömmlichen Sinn, und es ist auch keine solche, was an Veranstaltungen wie den Solothurner Literaturtagen schon mal Schweigen oder Irritation hervorrufen kann. Kein Wunder, dass einem Meineckes endlose Wissensaufbereitung und Aneinanderreihung von Beobachtungen, kombiniert mit dem allzeit bereiten theoretischen Apparat zu ihrer Decodierung, an den Rand der Verständnislosigkeit bringen kann. Ein angenehmes Merkmal dieser Literatur ist es aber, dass man im Falle einer gewissen Entnervtheit ohne Schaden querlesen kann, und genauso kann man auch leicht mittendrin anfangen zu lesen.

Meineckes Texte sind, um mit einem Schlagwort der 70er Jahre zu reden, offene, sogenannt schreibbare Texte. Sie stehen nicht unter dem Diktat der Geschlossenheit und des auferlegten Anfangs und Endes. In ihnen überlagern sich erzählende und theoretische Schreibweisen, und sie sind auch anderweitig radikal interdisziplinär und intermedial durchmischt. Dabei ist solche Intermedialität und Interdisziplinarität nicht herbeigezwungen, sondern sie entsteht direkt aus einer Alltagspraxis heraus, die sich speist aus Medienkonsum, Theorie-Lesen, Plattenkaufen, Musikhören, durch die Strassen gehen, mit Freunden diskutieren, Heftchenlesen, im Internet surfen. Interdisziplinarität ist in dieser Welt schlicht Alltag. Die damit einhergehende intermediale Anlage von Meineckes Textmaschine generiert sich in den Texten konkret, indem etwa die Musik mittels Songzeilen, Plattenhüllen- und Musikstilbeschreibungen, Musikerbiographien, Musiktheorie oder Anekdoten aus dem Popbusiness in den Text verstrickt wird. Und selbstverständlich ist dieser Transfer zwischen Gärtchen und Sparten nicht nur ein Merkmal von Meineckes Literatur, sondern sie zeigt sich auch in seinen anderen Lebenszusammenhängen: Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitet er als DJ – mit eigener Radiosendung – und als Mitglied der Pop-Folk-Electro-Band FSK (Freiwillige Selbstkontrolle), und er ist auch als Übersetzer tätig, zum Beispiel hat er Adam Greens Gedichte ins Deutsche übertragen. Und vielleicht gehört die Tatsache, dass der gebürtige Hamburger heute in einem alten Bauernhaus in Oberbayern wohnt, ebenfalls dazu.

Aber zurück zum neuen Roman und zu einer Frage, die Tobi Müller vor zwei Jahren in einem Tages-Anzeiger-Artikel aufgeworfen hat: «Schreibt Thomas Meinecke wie ein DJ oder musiziert er wie ein Autor?» Klar ist, dass der Roman zwar Musik heisst, aber natürlich trotzdem alles mit Sprache macht. Es scheint, als ob für Meinecke der Roman als eine Art fast gesetzloser Hohlform funktioniert: Als potentiell unendliche Versuchsanlage für eine Kunstwelt, die Wissenschaft und Pop-Trash zu einem Aufzeichnungssystem für die Gegenwart zusammenmischt. Literatur ist somit nicht nur eine Kunst- sondern auch eine Wunschform, in die sich Zusammenhänge und Textsorten aller Art giessen lassen, lose moderiert von Kunstfiguren.

Das Subjekt wird in dieser romanhaften Wunschwelt nicht psychologisch oder realistisch, sondern als Knotenpunkt von Zuschreibungen und Eigendefinitionen verstanden. Meineckes Figuren sind Cyborgs in einem sehr grundsätzlichen Sinn, wenn man sie als konsequent diskursiv vernetzte Einheitenim Strom der Diskursfragmente und Ideen versteht. Sie sind Wunschfiguren, die auch die Sexualität als Spielform sowie das Geschlecht selber als dehnbares und überraschend kombinierbares Konstrukt durchspielen können. Dasselbe geschieht mit dem Alltag als wilder Input-Mischung aus popkulturellen Elementarteilchen, die immer wieder neu gelesen werden können und dadurch eine Leichtigkeit, Verfügbarkeit und Kommentierbarkeit kriegen, was unter anderem zur gewichtigen Erkenntnis führt, dass es keinen Ausweg aus der medialen Vermitteltheit von Welt gibt.

Die einfachste und verbreitetste Vorstellung eines DJs ist diejenige eines Menschen hinter zwei Plattentellern. Spinnt man diesen Faden weiter, könnte man sagen, dass auf einem literarischen Set im Prinzip unendlich viele Plattenteller zur Verfügung stehen, mit denen es sich in grösstmöglicher Freizügigkeit hantieren lässt. Dahinter steht der Anspruch, dass diese Welt nur über ihre verschiedensten Repräsentationen zu begreifen ist, und zu diesem Begreifen gehört ein «Bekenntnis zur strategischen Vorläufigkeit des Zeichens.» (Thomas Meinecke, Musik).

Literatur:
Boris Groys: Das Neue. Innovation als Wiederverwertung.
Akzente, Jg. 37/Heft 2, 1990
Thomas Meinecke: Musik. Suhrkamp 2004
Thomas Meinecke: Hellblau. Suhrkamp 2001
Thomas Meinecke: Tomboy. Suhrkamp 1998
Tobi Müller: Ein Mönch in der Diskursdisco. Tages-Anzeiger 5.9.2003.

 






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Eine Veranstaltung des ICS, in Zusammenarbeit mit
der Hochschule für Musik und Theater Zürich.

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