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der reigen der künste

Symposium
programm

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Silvia Eiblmayr, Muda Mathis und Sus Zwick
Moderation: Sabine Gebhardt-Fink
In-Between – Spiel ohne Grenzen?


Mathis: „Es geht da ganz lang darum diese Wolke zu füllen, zu nähren und dann irgendwie, dann ballt sich dann etwas zusammen. Ganz am Schluss kommt alles zusammen. Zuerst ist wie alles da. Es ist nicht ein Faden, an dem man entlang geht, sondern es gibt ein Raum und man stellt ganz vieles in diesen Raum und dann plötzlich macht es flutschtschugtschug und es ist am Ort.“

Zwick: „Der Raum ergibt sich manchmal auch aus dem Ort oder so, aus dem Anlass, wo die Performance ist [...] Rauminstallation, [...] die Wolke zu füllen.“

M.: „Es gibt die verschiedensten Parametern, die diese Wolke füllen.“

Gebhardt Fink.: „Das Stichwort Eventkultur wollte ich nochmals aufnehmen. In den 90er-Jahren gab es eine wichtige Debatte zur Performance, also zur Medialität von Performance: Peggy Phelan meinte, es sei Darstellung ohne Reproduzierbarkeit. In einer Woche wird die Performancekünstlerin Marina Abramovic in New York im Guggenheim Museum - sieben Easy Pieces - re-performen, unter anderem von Joseph Beuys. Das ist schon ein Gegenstatement zu dieser Definition von Performance als Nicht Reproduzierbares. Was ist für euch das Wesentliche des Mediums Performance? Ihr habt uns das vorhin bildlich vor Augen gesetzt. Wir würdet ihr es nun in Worte fassen?“

M.: „Bei Abramovic, wo es ja um eine Erfahrung geht, brauchte ich schon ein bisschen, um so einen Purzelbaum zu machen. Plötzlich wird eine Erfahrung doch zum Theatralen. Das fand ich dann doch schwierig, weil eine Erfahrung man vielleicht wirklich nur einmal machen muss, manchmal vielleicht auch zweimal.“

Sigrid Schade (aus dem Publikum): „Dass sich dahinter auch schon so was wie eine historische Entwicklung zeigt. Auf der einen Seite. Deswegen habe ich auch vorher gesagt, nicht jede Performance ist als solche bereits sozusagen ausserhalb dieses traditionellen Kunstkonzepts. Weil in dem Augenblick, wo praktisch der Körper des Künstlers so eine prominente Rolle auch z.B. in der Performance einnimmt oder dann auch im Video, da muss man auch schauen wie das passiert, wie das genau gemacht wird, weil das eine gewisse Tradition hat, sozusagen der Körper des Künstlers als eine Art fetischisiertes Produkt. Wenn dann sozusagen die Performance oder was immer dabei herauskommt letztlich dazu führt, dass eigentlich der Körper des Künstlers im Mittelpunkt steht. Dann denke ich, ist schon was schief gegangen.“

Eiblmayr.: „Der Tanz hat ja damals eine ganz wichtige Rolle gespielt. Yvonne Rainer, die ja Filme gemacht hat kam aus dem. Alle diese Dinge wissen wir. Wenn wir wieder zurückgehen, nach dem zweiten Weltkrieg, wo diese entscheidenden Dinge passiert sind, auch in Japan schon. Für mich ist es sehr wichtig diese Entwicklungen alle sehr genau zu kennen. Auch anzuerkennen und zu respektieren wann welche Paradigmenwechsel stattgefunden haben, um zu verstehen wie es dann weiter gehen konnte. Und dann kann man auch das Heute besser kennen. Es geht mir nicht nur um die Kunst, sondern auch um ein soziales Feld, um soziale Formierungen auch Deformierungen, etwa die ganze Frage der Schönheitschirurgie, die ganze Schönheitsindustrie, die wir heute haben. Das sind Dinge die auch schon Künstlerinnen und Künstler sehr früh thematisiert haben.“

Helga de la Motte-Haber (aus dem Publikum):„Ich sehe immer mehr Kontinuitäten. Etwa wenn sich die Futuristen so polemisch geäussert haben in ihren Manifesten. Etwa der Schlusssatz der fünften Sinfonie von Beethoven, wo etwas ganz ungeheuerliches geschieht, nämlich Instrumente eingesetzt werden, die es erstens in Sinfonien noch nie gegeben hat, zweitens, werden sie in schlechter Lage eingesetzt. Dass heisst: Das knallt oder es kracht. Es kracht mit den Posaunen, dem Kontrabass und den Piccoloflöte in ganz schlechten Lagen kracht das erstmals geräuschhaft hinein. Ja, was haben damals die konservativen Kritiker gesagt: Louis Spohr hat den Weltuntergang schon irgendwie geahnt. Und die Futuristen haben ja im Wesentlichen dann die Musik nachgeahmt. Dass Luigi [Russolo] gesagt hat: Ich lasse meine Malerei. Ich mache jetzt Musik. Und man muss eben heute auch raten [...] mit seiner Klassifikation der Geräusche [...] sie ein bisschen anders betrachten. Es geht nicht um das Geräusch. Das Geräusch war längst in die Musik eingezogen. Dass Marionetti sozusagen die Sprache völlig musikalisiert hat, dann aber auch zur visuellen Poesie gekommen ist und dass es so viele Töne gibt und dass Komponisten sich daran beteiligt haben. Also ich würde sagen, eher fand eine Kontinuität in der Entwicklung statt, als dass man immer sagt: Das ist was Neues. Das ist eigentlich das Gründungsereignis der Modernen Kunst wie Benn gesagt hat. Ich würde es aber einmal umgekehrt sagen.“

M: „Ich hab sowieso die Wünsche natürlich nicht so fest an die andern, sondern eher auch an uns, an die Künstlerinnen selbst. Was mir auffällt ist, dass es schon ein Graben gibt zwischen Kunst und Wissenschaft. Oder auch die Begegnung zwischen Wissenschaftlerin und Künstlerin, und sich dann plötzlich so eine respektvolle Distanz auftut. Das finde ich natürlich schon komisch. Ich hätte ganz gerne ganz viele Wissenschaftlerinnen als Freundinnen. Weil diese mir dann am Küchentisch das nochmals einfach so erklären würden: Wie ist das nochmals so mit der Performance. Sie würden es mir dann nochmals so sagen [...] Ich würde es dann immer noch nicht begreifen und sie würde es dann so runterdividieren bis ich’s dann verstehe. Das könnte man da so als Freundinnen am Küchentisch machen.“

G. F.: „Sollen wir alle Filmwissenschaftlerinnen werden?“

E.: „Ich denke, dass die Filmwissenschaft eine ganz entscheidende, ein wichtige, ein Diskurs ist, eine Theorie, die für die gesamte zeitgenössische [Theorie] sehr sehr wichtig ist, weil der Film [...] am Anfang, und das wird man nicht nur als Kontinuität sehen können. Ob es die Musik ist oder der visuelle Bereich oder die Architektur, alles, unsere gesamte Modere eben, was wir erlebt haben oder was wir nachvollziehen können, wenn wir von diesen Avantgarden sprechen, die am Anfang des vorigen Jahrhunderts. Und das ist ja auch immer der Fall gewesen. Ja gerade diese frühen Avantgarden, die waren das ja alles in einem. Die waren Musiker, die waren Filmemacher, die haben Theater aufgeführt. Alle diese interdisziplinären Formen. Die eben aber auch entscheidend gebrochen haben mit dem was vorher war, was ein Schock erzeugt hat. Alle diese Dinge, das brauch ich ja nicht zu wiederholen. Und die Freunde, die alles mit einem besprochen haben, das wird ja wohl auch immer wieder so gewesen sein. Dass es Gruppen gab, in denen immer wieder neue Dinge so diskutiert worden waren. Und das zum Beispiel Cage als Musiker als Komponist so wichtig werden konnte, dann für die ganze Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg. Das sind ja schon Dinge, die man hinterfragen muss. Warum ist es so.“

M: „Wir haben allerdings das grosse Problem wir müssen forschen. Und da kommt die grosse Diskussion unter uns Künstlern: Was ist künstlerisches Forschen? Das machen wir sowieso. Und dann heisst es: Nein, es ist aber nicht so gemeint. Und das sind wir jetzt am herausfinden. Und die wenige Erfahrung, die ich bis jetzt habe mit künstlerischer Forschung, das ist ja immer zusammen mit Wissenschaften. Und bis jetzt ist es nicht so befriedigend. Bis jetzt bleibt es so interdisziplinär. Es kommen da immer die Künstler, die haben dann Bildmaterial. Arbeiten, die gut dazupassen und das gut illustrieren. Bis jetzt ist es also noch sehr hölzern.“

G. F.: „Das wären jetzt also die Gefahren des interdisziplinären Arbeitens zwischen Kunst und Kunsttheorie. Wobei ja auch eine implizite Theorie in euren Performances enthalten ist, indem ihr Kunstwerke macht.  Und dann die textlastige Wissenschaft diese an die Oberfläche holt und in Bezug setzt zu der „Bildsprache“ eurer Performace.“

Sarah Schmidt (aus dem Publikum):„Ich denke schon, dass in der Wissenschaft Sprache sicherlich die grössere Bedeutung einnimmt. Aber in den Naturwissenschaften z.B. ist auch die Visualisierung ganz stark und ganz wichtig. Und wenn man Sprache sagt, muss man auch bedenken, dass in der Wissenschaft auch nicht nur Texte produziert werden, sondern die lebendige Seite der Wissenschaft besteht aus Gesprächen. Dass heisst, es ist Performance im grossen Sinne. Da spielen die ‚Ahs’ und ‚Ohs’ und ‚Ich weiss nicht.’ und die Gesten eine ganz wichtige Rolle. Man ist ja auch nur am Suchen. Und glaube, dass man das auch bedenken muss, obwohl Sprache da sicherlich auch das Zentrum ist. Es gibt keine reine sprachfixierte Wissenschaft.“






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Eine Veranstaltung des ICS, in Zusammenarbeit mit
der Hochschule für Musik und Theater Zürich.

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