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der reigen der künste

Symposium
programm

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Sigrid Schade
Zwischen den Gattungen:
Formen der Performance

Wenn man von Performance im Sinne von Performance Art spricht und nicht im allgemeinen Sinne (Performanz), lässt sich zusammenfassen: Kaum eine andere künstlerische Praxis seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat so dezidiert und programmatisch die Grenzen zwischen Gattungen und Genres überschritten und dabei Identitätskonzepte des künstlerischen Subjekts als auch der Rezipienten verschoben, ebenso wie die Verfahren und Gegenstände der künstlerischen Produktion als auch das Verständnis dessen, was als  künstlerische Produktion selbst betrachtet wird. Dies lässt sich nur auf der Folie eines traditionellen westlich orientierten Konzeptes von hoher Kunst in Abgrenzung zu angewandter Kunst oder anderen Produktionsformen formulieren. Die Performance ist als durchlässiges Produktionskonzept zu bezeichnen: für prozessuale Verfahren, für die Vermischung von Zeit- und Raumkonzepten zwischen Kunstort, Bühne, öffentlichem und privatem Raum, durchlässig für mediale Experimente, für interaktive/interpassive, jedenfalls intersubjektive Ereignisse, die die ZuschauerInnen an der Produktion des Werks und des Sinns beteiligen, durchlässig aber auch für Gegenstände des Alltags und nicht zuletzt durchlässig für direkte politische Interventionen. Nicht jede Form der Performances ist als solche gefeit ist vor der Einbindung in traditionelle Kunstkonzepte. Es bedarf intensiver Reflexion und Anstrengungen der Umsetzung, damit sich eine Performance diesen ideologischen Traditionen gegenüber zumindest quer verhält. Insofern kann man die meisten Formen von Performances auch zur konzeptuellen Kunst rechnen.

Der Begriff hat sich als Überbegriff einer ganzen Reihe von verwandten Produktionsformen durchgesetzt, wie z. B. Aktionskunst, Body Art, Happening, Event, konzertierte Aktion usw. Die jeweiligen Besonderheiten lassen sich nur historisch im Kontext der jeweiligen künstlerischen Konzepte und Bewegungen beschreiben. Zugleich lassen sich ähnliche Bewegungen im Theater und der Musik beobachten. Ein nicht aristotelisches oder episches Theater kann selbst Züge einer Performance annehmen und selbstverständlich auch die Aufführung von konzeptueller Musik, wie sie von Cage und seinen Kollegen am Black Mountain College der 50er Jahre praktiziert wurde.

Ob die Singularität der Aufführung selbst ein zentrales Merkmal der Performance ist, bleibt dahingestellt, es gibt natürlich wie im Theater wiederholte Aufführungen, zugleich aber ist sicher – wie im Theater - keine Aufführung wie die andere. Ein zentrales Problem der Performance ist ihre Dokumentation (ähnlich im Übrigen wie im Theater und im Tanz). PerformancekünstlerInnen, die ihre Arbeiten nicht von Beginn an gut dokumentierten, gerieten schnell in Vergessenheit. Die Frage der Verwendung  traditioneller technischer Medien oder neuer Medien ist also eine, die nicht nur ihren Einsatz innerhalb der Performances betrifft, sondern auch der Archivierung. Mit der Zugänglichkeit und leichteren Handhabbarkeit der Videoaufzeichnung seit Ende der 60er Jahre war ein geeignetes Instrument gefunden, das schnell zum eigentlichen Medium der Produktion wurde, heute durch die DVD ersetzt. Zumindest für einige Performance-KünstlerInnen wechselte der Adressat: von einem life-Publikum hin zu einer realtime-Aufzeichnung, die selbst wieder aufgeführt werden muss, um ein durch Zeit und Raum hindurch potentielles „virtuelles“ Publikum zu erreichen. Dies hat aber Konsequenzen für die Erst- oder Uraufführung und schlägt sich konzeptuell und strukturell nieder, so dass man in solchen Fällen von einer Auflösung des Performance-Konzeptes sprechen muss.

In aller Kürze möchte auf einige Begriffe eingehen, die in den letzten Jahren – wieder – ins Spiel der Diskussion geraten sind, und auf den ersten Blick oder das erste Hören mit dem Begriff der Performance verknüpft sind. Z. B. die Begriffe Performanz oder Performativität, die derzeit vor allem im theaterwissenschaftlichen Kontext zirkulieren. Es ist sicher nützlich, sich die genauere Verwendung und die konzeptuellen Hintergründe dieser Begriffe bewusst zu machen, nicht zuletzt um schliesslich die Differenz zu dem der Performance und die Beziehungen zwischen beiden präziser bestimmen zu können.

Der Begriff der Performativität stammt von Austin und wurde im Rahmen seiner Sprechakttheorie ausformuliert als ein intentionaler Akt des Sprechens als einer Handlung, die den Sinn der Worte verschieben, konkretisieren, mit Zusatzbedeutungen versehen und damit in die Realität des sprechenden Subjekts eingreifen kann. Dieses Konzept wurde von Derrida aufgegriffen -  nicht um die Intentionalität des sprechenden Subjekts zu betonen, sondern die Zitierfähigkeit des Sprechaktes, die Funktion des Sprechens als eine sich (gewissermassen automatisch, d.h. unbewusst) wiederholende Wiederholung. Innerhalb dieser verschiebt sich der Sinn der Worte auf der Folie eines kulturellen Lexikons oder Gedächtnisses, der écriture, die aus Konventionen besteht, welche im Einzelnen wiederholt, materialisiert wird und so Subjektivitäten überhaupt erst entstehen lässt. Im Falle von Judith Butlers Gender-Trouble, in welchem an diese Vorstellung angeschlossen wird, geht es um die Konstruktionen von Geschlecht als kulturellen Konventionen, die als wiederholte Performanz,  als performte Wiederholungen zuallererst zur Geschlechteridentifikation einzelner Subjekte führt, also letztlich zu einer Materialisierung kultureller Konzepte in Körpern, womit jeder naturalisierenden Begründung von Geschlechterkonzepten der Boden entzogen ist. Ähnlich fasst es die Literaturwissenschaftlerin und Kulturanalytikerin Mieke Bal  in ihrem Text zur Mise-en-Scène zusammen.

Man könnte sagen, die Performance ist ebenfalls ein mehr oder weniger einmaliger  performativer Akt, aber sie wiederholt Konventionen als Wiederholung, als Ritual und bricht sie so, sie macht das Gefüge aus kulturellem Gedächtnis, individueller  Identifikation oder Verschiebung sichtbar und ermöglicht damit ein Zu-Sehen/Hören/Fühlen-Geben dessen, was eine Gemeinschaft im Guten wie im Schlechten ausmacht und in welcher Weise Abweichendes wirken kann oder eingedämmt, Bedeutung hergestellt oder ausgestrichen wird.

Die Performance ist ein Gebilde, das mit konventionellen Zeichen operiert. Mieke Bal fasst es so zusammen: wir werden mit Wechselbeziehungen zwischen Worten und figurativen und nicht-figurativen, bewegten und nicht-bewegten Bildern, Körpergesten und Bewegungen, Tönen, Stimmen, Maschinengeräuschen etc. konfrontiert, die und das ist die zentrale Beschreibung: „während der Aufführung wechselseitig ineinander gegenwärtig bleiben“. Bal bezeichnet dieses wechselseitig ineinander gegenwärtig bleiben als Heterochronie.

Ich möchte kurz darauf eingehen, wie dieses „wechselseitig ineinander gegenwärtig bleiben“ zu verstehen ist. Notwendigerweises lässt sich das nur auf der Grundlage eines umfassenderen Sprachkonzepts verstehen, in dem das Verhältnis von Text und Bild als Zeichen konstituierend aufgefasst wird. Es setzt voraus, dass Zeichen sich aus der psychischen Repräsentation von Lautbildern (Wörtern/Begriffen) und Vorstellungsbildern zusammensetzen. Ein Wort würde nichts bedeuten, würden wir es nicht beim Lesen oder Hören automatisch mit einem Vorstellungsbild assoziieren und umgekehrt. Alles, was wir sehen und hören ist also immer schon von Abwesendem begleitet, die Nicht-Sichtbaren oder Nicht-Hörbaren, jedoch immer schon assoziierten Elemente der Zeichen.

Die Verwebung, das Gewebe von verschiedenen Zeichenelementen bringt deren abwesende Anteile ebenfalls ins Spiel, unabhängig von der jeweiligen Medialität.

Die Vorstellung vom „reinen“ Hören oder Sehen, vom „reinen“ Klang oder Bild basiert noch auf den Autonomie-Konzepten der Moderne und muss aufgegeben werden. Die auf Lessing zurückweisende absolute Differenzierung zwischen der Wahrnehmung von Texten und der Wahrnehmung von Bildern ist auch heute noch die heimliche oder unheimliche Motivation, so etwas wie eine Bildwissenschaft entwickeln zu können, die ohne ein semiologisches Konzept auskäme.

Welche künstlerische Produktionsform, wenn nicht die Performance könnte besser beweisen, dass diese Selbstbeschränkung und die Konzentration auf „eine“ Disziplin überholt sind?

Die Performance macht sich die grundlegende Unreinheit des Sehens und Hörens zunutze und kann darin die kulturelle Macht der Rituale, der Wiederholung, der Konvention wahrnehmbar machen durch die wechselseitige Kommentierung der abwesenden Bestandteile von Zeichen, deren Bedeutungen sich verschieben. Sie erzeugt damit irritierende Effekte, um deretwillen wir sie als künstlerische Produktionsform betrachten, die uns auf unsere Wahrnehmungsakte aufmerksam macht.






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Eine Veranstaltung des ICS, in Zusammenarbeit mit
der Hochschule für Musik und Theater Zürich.

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